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Was „Feuchtgebiete“ mit dem Garten Eden verbindet

1309rocheDer Skandalroman von Charlotte Roche wurde 3 Millionen mal verkauft – und im kirchlichen Umfeld erfolgreich ignoriert. Was viele Menschen berührt, scheint grundsätzlich uninteressant. Dabei werden in „Feuchtgebiete“ ur-biblische Werte verhandelt.

Feucht wurden eigentlich nur die Augen – vor Lachen. Das skandalumwitterte Buch von Charlotte Roche widerspricht allen meinen Vorurteilen und Befürchtungen. Es erweist sich auf der Höhe der Zeitfragen. Es wäre prädestiniert für kirchliche Bildung.

Zugegeben: Als guter Katholik hätte ich das Buch natürlich nie gelesen – ehrlich! Ich hätte mich nach aussen dem üblichen, leicht verächtlichen „so etwas lese ich doch nicht“ der kirchlichen Gesellschaft angeschlossen. Aber ich habe es leider in einem Wettbewerb gewonnen – wirklich!

Von A-Z überrascht

Also hab ich es gelesen. Und war von A-Z überrascht. Erst mal darüber: wer das Buch alles gelesen hat, wenn mensch mal damit rausrückte: Unglaublich. Aber klar, irgendwo müssen die drei Millionen verkauften Exemplare ja gelandet sein. Also hat Charlotte Roche etwas angesprochen, das die Menschen berührt. Und das alleine wäre natürlich ein Grund, sich eingehender damit zu befassen. Kirchlicherseits, meine ich jetzt. Aber zum Glück gibt’s ja den Konjunktiv. Einfacher ist es, um die eigenen Fragen zu kreisen als um die, welche die Menschen berühren. Oder eben zum Thema “Zeitfragen” Karl May als Lesezirkel anbieten…

Ein Kammerspiel

Zurück zum Buch selber. Auch da: Überraschung! Das ist ja gar nicht erotisch! Nein. Also keine Angst, es befeuert nicht unschickliche Phantasien – jedenfalls bei mir nicht.

Eigentlich ist es ein Spitalroman. Ein Kammerspiel. Das ganze Buch spielt in einem Krankenzimmer. Und die eigentliche Krankheit der Hauptdarstellerin Helen Memel ist die Trennung ihrer Eltern. Und dass sie den missglückten Versuch ihrer Mutter miterlebte, sich selber und Helens Bruder mit Gas zu töten.

Im Spitalzimmer überwindet sie schmerzlich ihre Wiedervereinigungsphantasien und versöhnt sich mit ihrer Geschichte. Nur deshalb kommt sie am Schluss mit einem Spitalpfleger zusammen. Ende gut, alles gut.

Heilung “passiert”

So gesehen eine banale „Coming of Age“-Story. Die kalte Mutter, der böse Arzt, der gute Pfleger. Alles da.
Aber die menschliche Geschichte läuft unter der Oberfläche mit. Und Helen erlebt sie selber auch so. So wie die meisten Menschen ihre Lebensgeschichte zumeist einfach so erleben.
Ihre Heilung „passiert“ Helen einfach unter der Oberfläche, während ihr Bewusstsein sich ganz mit dem sichtbaren Teil des Eisberges ihrer Persönlichkeit auseinandersetzt.

Tabus in lakonischem Blog-Stil

Die Spitze des Eisbergs ist hier das, was normalerweise tunlichst verdeckt wird. Das kehrt Roche bzw. Helen Memel ganz nach aussen. Im Blog-Stil, lakonisch, voller Selbstironie erzählt sie über ihren Körper und die Stellen, die sonst tabu sind. Ausschlag am Hintern, die einzelnen Teile ihres Geschlechtsorgans. Sie beschreibt es so wie Finger, Augenfarbe oder Haare.
Als Körperteile eben. Zwar ist klar: das ist die psychische Reaktion auf ihre gestörte Mutter. Aber es ist eben auch mehr. Sie gibt dem Körper als Ganzes seine Natürlichkeit zurück. Da gibt’s keine „dreckigen“ Stellen mehr. Wimperntusche oder Intimrasur, beides liegt auf der selben Ebene.

Weder peinlich noch pornographisch

Und sie tut dies auf eine Art, die weder peinlich noch pornographisch ist, sondern in ihrer Lakonie schlicht natürlich und auf eine ganz eigene Weise unschuldig und „rein“.
Ein Pickel im Gesicht oder zwischen den Po-Backen – wo ist der Unterschied?

Und genau so erzählt Helen auch von ihrem Sex-Leben. So wie jemand anders vom Briefmarkensammeln oder vom Ballet oder vom Fussball erzählt. Mit Interesse, mit Begeisterung, mit Humor – und auch hier mit lakonischer Selbstironie.

Wenn Helen von ihrem Körper erzählt, habe ich als Leser immer die Möglichkeit, selber die Distanz festzulegen. Dank ihrer bildhaften Sprache und ihrem humorvollen Stil kann ich so viel „Anschauung“ zulassen, wie ich möchte, und sonst dem lockeren Textfluss folgen.

Ein Stück Unschuld zurückgeben

So schafft es Roche, dass ihre Beschreibungen nie abstossend oder pornographisch wirken. Das muss man erst mal schaffen, bei den Phantasien, die in unserer Welt – tja, eben ein Tabu sind und nur in sorgsam verborgenen Hirnregionen vieler Menschen existieren.

Darin liegt die Leistung von Roche. Sie gibt dem Körper mit „Feuchtgebiete“ ein Stück Unschuld zurück. Im Kopf wissen wir Aufgeklärten das ja schon lange, nur im Alltag ist das immer noch praktisch unmöglich.

Roche führt afu diese Weise vor, wie verklemmt unsere „aufgeklärte“ Welt weiterhin ist, und dass die behauptete „Übersexualisierung“ des Alltags eben blosse Behauptung ist bzw oberflächliche Fassade.

Eden im Krankenzimmer

Roche hält uns den Spiegel vor. Nicht auf die besserwisserische, lehrerhafte, moralische Tour, sondern indem sie einfach lustvoll eine Geschichte erzählt. Damit zeigt sie, wie man auch noch über seinen Körper reden könnte, und dass das funktioniert, ohne sich dafür schämen zu müssen
Die Bibel schreibt, dass der ganze Körper Gottes Geschöpf ist. Und dass Eden dort ist, wo mensch sich nicht seines Körpers schämen muss.
Charlotte Roches alter Ego Helen Memel lebt so gesehen sehr nahe an den biblischen Idealen.

Verkehrssicherheit in Rumänien: Alt bremst Neu aus (und woher kennen wir das?)

Samstag, 27, Juli. Die Rumänen fahren wie die Henker. „Wenn das Gesetz idiotisch ist, dann hält sich auch niemand dran“, sagt Ionel. Ein Schelm, wer Parallelen zieht…

50 – 70 – 30 – 90 – 50 – 70 – 50 – 30 – 50. Eine solche Geschwindigkeitslimitenfolge hat in Rumänien locker in einem Strassenkilometer Platz. Jede leichte Strasssenbiegung wird mit einer zusätzlichen Temporeduktion geehrt, und ist ein „30“-Schild auch sichtbar älter als ich selber, hat es immer noch seine juristische Gültigkeit. Was auf Rumäniens Strassen geschieht, kommt mir unangenehm bekannt vor.

Breite Strasse, kein Verkehr, menschenleeres Dorf - und Tempo 30.
Breite Strasse, kein Verkehr, menschenleeres Dorf – und Tempo 30.

Viereinhalb statt sechs Stunden

 Die Tempolimiten stammen aus einer Zeit, in der „Caruzzas“ (Pferdekarren) das Verkehrsbild bestimmten. Autos waren selten, und wenn, dann waren es alte Dacias. Oder riesige Lastwagen-Ungetüme, im Westen ausrangiert.
1998 brauchten wir für die Strecke von Bukarest nach Verseni sechs Stunden, ganze eineinhalb Stunden länger als heute.
Denn (nicht nur) die grossen Verbindungsstrassen waren ein Jahrzehnt lang praktisch eine einzige Baustelle –und heute sind sie breit, mehrspurig, sicher. Auch die „Autoflotte“ der Rumänen ist auf West-Niveau. Alte Dacias sind praktisch ganz von der Strasse verschwunden, und man muss per Gesetz auch tagsüber mit Licht fahren.

Reproduktion des Gestern

Ideale Bedingungen also für flüssiges, zügiges Fahren. Nur eben: die Tempo-Limiten sind in der Ceaucescu-Zeit stehen geblieben. Sie werden munter weitergeführt und auch auf den neusten und frisch renovierten breiten Überlandstrassen reproduziert.
Die Folge: Niemand hält sich an Tempo-Limiten. Der fehlende Realitätsbezug führt dazu, dass jedermensch sich sein individuelles, eigenes Gesetz macht – was eben nicht zur Verkehrssicherheit beiträgt.
Wie weiter oben schon erzählt, halb Rumänien sässe hier im Gefängnis, wenn Raul Bobadilla der Massstab wäre.

Solidarisch gegen Gesetze

Natürlich gibt’s Kontrollen, Radar, Bussen. Und natürlich geschieht, was geschehen muss: Die Rumänen entwickeln immer neue technische Tricks, um rechtzeitig von Radarkontrollen zu erfahren, sie haben Funk und warnen die Fahrer auf der Gegenfahrbahn per klar definiertem Lichthupensignal.
Resultat: Als Ausländer schleichst Du daher (oder Du hängst Dich an einen Rumänen im Vertrauen darauf, dass er weiss, wenn es eine Kontrolle gibt), als Rumäne hast Du mal Pech, und ansonsten bestimmst Du Dein eigenes Tempo.
Auf einer vierspurigen Strasse über zwei Kilometer hinweg mit 50 oder 30 durch ein ausgestorbenes Zeilendorf zu fahren ist dann ebenso idiotisch wie mit 160 durch zu rasen.
Und natürlich: Das eigentliche Ziel von Tempolimiten (Verkehrssicherheit) geht dabei in jedem Fall flöten.
Unter dem Strich: Ein wunderbares Beispiel, wenn Gesetze in einer Zeit verharren, die wortwörtlich von der Gegenwart überholt sind.

…Und wieso kommt mir das alles so bekannt vor?