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Warum der Bundesrat näher beim Rock’n’Roll ist als Sina

Der Bundesrat hat entschieden: Wer Musik gratis downloadet, ist kein Verbrecher. Die Sängerin Sina findet das ein Affront gegen die Musiker. Ein offener Brief zum Thema als Antwort.

“Liebe Sina,

In der Basler Zeitung hast Du Dich gegen das gratis-Downloaden von Songs ausgesprochen. Ich verstehe, dass Du Deine Position vertreten willst – aber man muss doch einige Dinge klarstellen.

Es sind vor allem Jugendliche, welche „ihren iPod voll-laden“. Und Jugendliche machen in vielen Fällen die umständlichsten Werbe-Aktionen mit, nur um an einen Gratis-Download zu kommen.

Dasselbe wie Kassetten

Du bist ja etwa gleich alt wie ich. Weisst Du noch früher, als wir Jugendliche waren? Da haben wir massenweise Platten auf Kassetten aufgenommen haben oder die Hitparade vom Radio.

Das hast Du sicher auch gemacht und bist also nach Deinem eigenen Urteil ein böser Mensch, der die Musik schädigt.

Und jaaaa, ich höre schon den Vorwurf, das könne man nicht vergleichen, das sei überhaupt nicht gleiche, weil… – tja, warum eigentlich? Weil Musik auf Kassetten mindere Qualität hat? Also bitte – die mindere Qualität eines mp3-files zeigt sich spätestens auf der Stereo-Anlage.

Karriere dank unbezahlten Musik-Vorbildern

Aber in Deinem Fall könnte man sogar weiter denken. Weil Du hast ja dank deinen musikalischen AhnInnen Musikkarriere gemacht und Geld verdient.
Man könnte also durchaus sagen, dass Du die musikalischen Ideen für Deine Karriere nur aufgrund von bösem Musik-Diebstahl ergaunert hast.
Von deinen musikalischen Vorbildern, von den Beatles und den Rolling Stones (die haben die gesamte heutige Musik beeinflusst), oder von Bach und Mozart – ja, von denen kommen die ganzen Harmonie-Lehren, auf welche der heutige Pop/Rock fusst.
Sagt Dir jeder Musiklehrer.

Hast Du mal an Paul McCartney oder an Mick Jagger Gebühren bezahlt, dass Du ihre Platten auf Kassetten aufgenommen und gehört hast?
Oder haben Songs von Dir musikalische Anleihen an die Harmonik von Beatles oder Stones?
Alles also geklaut – und damit herzlich willkommen im Club der Urheberrechts-PiratInnen, die man in den Kerker stecken sollte!

Du findest das idiotisch? Da bin ich froh, das finde ich nämlich auch.
Ich habe mich damals sowenig als Verbrecher gefühlt wie ich meinen Sohn als Verbrecher behandle, wenn er YouTube-Clips in mp3 konvertiert und auf seinen cowon D2 lädt.

Der Vergleich mit Film-DVDs

Und Sina, hast Du damals auch Filme auf Videos geschaut?
Weisst Du noch, wieviel die Kauf-Filme auf Video-Kassetten gekostet haben, damals in den 80-ern und 90-ern? Ich weiss es noch: die 79.90 schweizer Franken waren Standard. Dann kam die dvd, mit fast-Kino-Qualität, mit Bedienungs-Mega-Komfort, und mit tonnenweise Bonus-Material.
– Und weisst Du, was das erstaunliche ist? Heute ist der Standard-Preis für Film-DVDs 29.90, beinahe dreimal günstiger als früher!

…was man von den Musik-CDs nicht behaupten kann.
Die kosten immer noch genau gleich viel wie vor 25 Jahren!
Und dies, obwohl auch bei Musik-CDs die Produktionspreise ins Bodenlose stürzten (wie man zb sieht, wenn man als Hobby-Band CDs heute pressen will, im Vergleich zu den 90-ern).
Bekommt Ihr Musiker also massiv mehr Geld als früher? Gell, das ist eine ironische Frage.

Downloads: So teuer wie CDs, aber minderwertig

Du findest die Preise für Downloads billig. Ich nicht!
Wenn ein mp3-Download 1,60 Franken kostet, dann komme ich auf fast den selben Preis wie wenn ich die CD im Laden kaufe – nur habe ich als Download eine minderwertige Musikqualität, kein Booklet, und die CD muss ich auch selber kaufen, wenn ich die Musik brennen will.

Tatsächlich habe lerne ich immer wieder KünstlerInnen via gratis-Download kennen und kaufe dann die CD…

Kompensation Konzert-Ticket

Und dann: Die Mindereinnahmen von CD-Verkäufen werden mit exorbitanten Konzert-Preisen kompensiert.
Die Konzertpreise! Ich mag mich gut an das Open-Air im alten Joggeli erinnern: Chris de Burgh, U2, Tina Turner an einem Tag – für total schlappe 60 Franken!
Herbert Grönemeyer, schon damals ein Abonnent für die Nummmer eins in den Album-Charts, habe ich Anfangs Neunziger auch gesehen in Basel, für 20 Franken. Dieses Jahr zahle ich für Bligg in einem ähnlich grossen Konzertraum das Dreifache – ja, das Dreifache.
Ich zahle das gerne, aber hey, man muss das auch mal sagen:
Was heute Bligg kostet, kostete damals also Chris de Burgh (auf der Höhe seiner Karriere), U2 und Tina Turner zusammen!

Die Industrie beutet Musiker und User aus

Das MusikerInnen gerecht entlöhnt werden sollen, ist ok.
Aber Sina, Du schlägst den Bock und meinst den Gärtner.
Es sind die Plattenfirmen, die sich auf Kosten von MusikerInnen und KonsumentInnen weiterhin auf allerbilligste Tour eine goldene Nase verdienen wollen.

Ohne neue Ideen, unkreativ – einfach in dem man die Jugendlichen disst und sie dafür verurteilt, dass sie ihr Sackgeld den reichen Firmenbossen nicht einfach freudig in den Rachen wirft.
…und natürlich ohne die MusikerInnen von den höheren Gewinnmargen profitieren zu lassen.

Stattdessen: die Industrie und deren Lautsprecher posaunen ihre Verurteilungen mit der moralischen Arroganz in die Welt, mit dem ausgestreckten Zeigefingers eines schlechten Pfarrers aus einem noch schlechteren Film.

Die Dummen sind die Jugendlichen

Nochmals: Dass Du von Deiner Musik leben können möchtest, das respektiere ich. Und ich wünsche Dir faire Verträge für Deine CDs und Deine Konzerte.
Lass Dich doch nicht vor diesen verlogenen Karren spannen, sondern kämpfe für gerechtere Anteile der Musiker an den Unsummen an Gewinn der Firmen.

Richte Deine Kritik also bitte dorthin, wo die Malaise herkommt: An die Industrie, die ihre Margen verfielfacht haben und MusikerInnen wie KundInnen über den Tisch gezogen haben.

Und lass die jugendlichen Musikfans in Ruhe.
Die wollen dasselbe wie Du und ich vor 25 Jahren und wie unsere Eltern vor 50 Jahren: viele tolle Musik hören, so dass sie es sich leisten können.

Der Bundesrat rockt, die Musikindustrie zockt ab

Drum, mit Verlaub: die Haltung des Bundesrates ist näher am Geist des Rock’n’Rolls als Deine, weil sich der Bundesrat gegen die raffgierige (Musik-)Industrie stellt und sich mit dem zahlenden Volk solidarisiert.

Mit vielen Grüssen,
Thierry Moosbrugger”

kja-baselland, 23.3.2012

Bibelstunde mit Lady Gaga

„Judas“ von Lady Gaga hat den erwarteten Skandal produziert. Dabei stellt sich die Sängerin in eine lange Tradition von Pop-Songs, die sich von der Bibel inspirieren lassen. Biblischer Tsunami und Spiegelkabinett in einem.

Die Jünger und Jesus als Hells-Angels-Rocker, Maria Magdalena mit Jesus und Judas im Whirlpool, hin- und hergerissen zwischen dem, was sie eigentlich möchte, und der ach so süssen Verführung.
Eigentlich muss man sich schon fragen, wieso es der Kirche nicht gelingt, hinter die blinkende Oberfläche von Pop-Songs zu blicken und die ungemein spannende Essenz als Inspiration nimmt, statt lauthals und stereotyp einen „Skandal“ zu propagieren.

Kja-baselland schaut genauer hin. …und erstmal zu den Pop-Wurzeln von Lady Gagas Song.

Jesus Christ Superheld

„Maria Magdalena“ war 1985 der Megahit der deutschen Sängerin Sandra.
Und kurz darauf war es Madonna, die in schöner Regelmässigkeit biblische Themen aufnahm und ebenso regelmässig einen Aufschrei der Kirchen produzierte.
Im Video zu „Like A Prayer“ (1989) erweckte Madonna eine schwarze Jesus-Statue zum Leben und liess sich von ihm küssen, und in ihrer Tournee 2006 liess sie sich ans Kreuz hängen.

Angefangen hat das aber in der Flower-Power-Aera mit dem Musical „Jesus Christ Superstar“ Anfang der 70-er Jahre . Die Hippies sahen im „wirklichen“ Jesus einer der Ihren, da sich Jesus um diverse gesellschaftliche Grenzen foutierte, wenn sie die Menschen unterdrückte.
Und so war der Superstar-Jesus natürlich auch schmal, bärtig und langhaarig, begleitet von dröhnenden Rock-Gitarren.

Die Jesus-Geschichte ist ja auch reif an Hollywood-Motiven: ungelebte Liebe, ein Volksheld mit Superhelden-Qualität, Verrat unter Freunden, Mord und Totschlag, Mystery-Elemente danach (Ostern).
Schon rein vom Drhebuch her ist es kein Wunder(!), dass Teile der Jesus-Geschichte während 2000 Jahren immer wieder in neuen Versionen und Clips ge-„remaked“ wurde.

Rechtmässige Nachfolgerin von Madonna

Aber zurück zu Lady Gaga. Sie ist die rechtmässige Nachfolgerin von Madonna, und sie hat ihr Erbe auf ein neues Level weitergeführt und noch einmal schärfer auf den Punkt gebracht.
Es wundert deshalb nicht, dass nun auch die Bibel in ihr Repertoire Einzug hält, und wie sie das macht, ist einfach erst mal klasse Handwerk.
Der Clip, mittlerweile das Markenzeichen jedes Pop-Songs, ist protziger Disco-Trash vom Feinsten, enthält zahl-(und wahl-?)lose Anspielungen auf biblische Elemente und bewusste Cross-Milieu-Provokationen, die ebenso schön trashig wie bewusst schnoddrig aufpoliert sind.
Lady Gaga selber sagt zum Video-Clip: „Das war der spannendste künstlerische Moment meiner Karriere. Es ist das Grösste, das wir je geschaffen haben.“

Die Geschichte, die das Video erzählt

Das Video zu “Judas” beginnt damit, dass die zwölf Apostel auf Motorrädern auf der Autobahn fahren. Sie fahren zu einer Party eines Biker-Clubs, die in einem stylishen Mix zwischen Underground- und Zigeuner-(also Aussenseiter-)Ambiente stattfindet. Dort wird Judas in eine Schlägerei verwickelt.
Maria Magdalena will Jesus eigentlich vom bevorstehenden Verrat durch Judas erzählen, erliegt aber dessen Reizen. In die Handlung eingestreut sind Tanzsequenzen und Grossaufnahmen von Lady Gaga, die wie das Auge des Horus (der ägyptische Königs- und Licht-Gott) geschminkt ist. Das blaue Top, das Gaga trägt, verweist auf den blauen Mantel von Maria, welches den Sternen-Himmel und das Universum darstellt. In der Mitte des blauen Tops prangt gross das Symbol für das “Herz Jesu”. Bei der Zeile “Build a house” zeigt Gaga auf Simon Petrus.
Nach dem zweiten Refrain hält die Sängerin Judas eine Pistole an den Mund. Ein Lippenstift kommt herausgeschossen und beschmiert seine Lippen. Dann sieht man Judas, Jesus und Maria Magdalena in einer Badewanne, wobei sie ihnen die Füsse wäscht.
Danach stoppt die Musik und Lady Gaga wird von spritzenden Wassermassen überspült (die Szene ähnelt auch ein wenig der Geburt der Venus), das Rauschen dröhnt aus auch den Lautsprechern.
Als die Musik wieder einsetzt, wird Jesus vor seinen Anhängern durch den Judaskuss verraten. Das Video endet damit, dass Maria Magdalena von der Menge gesteinigt wird.

Die Anziehungskraft der dunklen Macht

„Judas“ hat inhaltlich zwei Rote Fäden, die grundlegende menschliche Gefühle aufnehmen, die jeder Mensch kennt.
Lady Gaga ist zwischen Judas und Jesus hin- und her gezogen. Sie weiss um das, was sie „sollte“, und wird doch unwiderstehlich vom Anderen angezogen, vom Dunklen, Verruchten – ein Gefühl, das jeder Mensch kennt, und dem Jeder Mann und jede Frau mal gerne nachgeben würde oder nachgibt – und wenn man solche Gefühle zu lange unterdrückt hat, wird man von ihnen wie von riesigen Wellen verschlungen und mitgerissen.
Der zweite Erzählstrang: Lady Gaga singt von einer Liebe, die sie selbst zerstört, und von der sie doch nicht los kommt. Auch dieses Gefühl ist den meisten Menschen bekannt.
Bei aller Kritik ist es eindeutig Lady Gagas Verdienst, diese menschlichen Grund-Erlebnisse mit Jesu Geschichte verbunden zu haben. Sie zeigt damit, wie tief die biblische Wahrheit in die menschliche Seele hinab reicht.

Tsunami an biblischen Anlehnungen

Neben dieser „Grundgeschichte“ überwältigt Lady Gaga die Zuschauer mit einem Tsunami an biblischen Bildern und Anspielungen, wild durcheinander gewirbelt, die immer den Eindruck wecken, man könnte hier einen tieferen Sinn finden, wenn man nur genug tief gräbt – ein hoffnungsloses Unternehmen, man verliert sich schnell im Spiegelkabinett des Videos.

Nur ein paar Anklänge seien hier genannt: Jesus und die Jünger leben ausserhalb der feinen Gesellschaft; es gibt die Fuss-Salbung und die Fusswaschung; es gibt die Sintflut, die Kirchengründung durch Petrus, den Verrat und die Steinigung, und und und…
Wer sich den Clip mehrmals anschaut, wird noch mehr finden.

Alleine mit der Liedzeile «Judas küss mich, wenn ich dir Unrecht getan habe, oder trage das nächste mal ein Ohrenkondom» trägt gleichzeitig mehrere unterschiedlichste Ebenen in sich: der Judaskuss, der diesmal berechtigt sein könnte, ein Kuss als Versöhnung, aber auch der Knecht des Hohepriesters, dem einer der Jünger mit dem Schwert ein Ohr abschlägt, und natürlich die Kondom-Thematik Roms, undsoweiter.

Unterrichts-tauglich

Es wäre so einfach wie eigentlich auch empfehlenswert, mit Lady Gagas „Judas“ ein ganzes Quartal an spannenden Religions-Unterrichts-Stunden zu gestalten.
Die unzähligen Ebenen von religiösen Symbolen, menschlichen Gefühlen, biblischen Geschichten, Übertragungen ins Heute (die Jünger als gesellschaftliche Outlaws zum Beispiel) ersetzen wohl einen ganzen Schulordner an Arbeitsblättern und Themen-Einstiegen.
Man müsste Lady Gaga fast dankbar sein für dieses attraktive Material, das sie uns geliefert hat…

Links:
Einstieg zu Lady Gaga (wikipedia)
Auszug aus einem exzellenten Interview, das zeigt, worauf es Lady Gaga ankommt

kja-baselland, 3.6.2011