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Das Potenzial und der Seufzer

Montag 22.7.: Rumänien könnte… aber Rumänien braucht Zeit. Eine Meditation über das Mögliche und das Schwierige.
In diesen Tagen in diesem paradiesischen Ort wird mir wieder bewusst, wie reich das Land Rumänien ist.
Sonne (wir sind auch schon sonnenenergie-betriebenen Strassenlampen begegnet), Wind, Wasser, die Weite der Felder – und natürlich die Naturschönheiten wie das Donau-Delta.
Die Gegend ist so gross, es liegt auf der Hand, hier Erholung und Natur-Erlebnisse anzubieten.
Und tatsächlich: Rund um unsere kleine Appartement-Anlage herum hat es verschiedene „Pensiune“, auf der einen Seite gar ein veritables Luxus-Resort, das ex-Minister Nastase bauen liess.
Rumäniens Aufbruchstimmung ist sichtbar – aber nicht ohne den Seufzer, der so viele gute Ideen in Rumänien begleiten.
Alles ist keine sieben Jahr alt, und wo man genauer hinschaut, zeigen sich deutliche Spuren von Verfall.: Sieht man bei unserem Hotel genauer hin, sieht man die Spuren einer runden Sonnenterasse des Hotels direkt am Wasser – ein wunderbarer Ort für lauschige Abende wäre das wohl. Aber eben: die Terrasse ist zerfallen, die Bretter liegen seither noch am Boden der Ideen-Ruine herum.
Es wirkt immer wie Nachlässigkeit, nach „ach, ist doch egal“, nach fehlendem Willen zum Erfolg. Ob es halbfertige verfallende Bauruinen am Strassenrand oder herabhängende Stromkabel sind, ein abgerissener Dusch-Halter oder ein verrosteter Zaun um die Rasenteppich-Streetball-Anlage des Luxushotels, oder ob es in guter Absicht an vielen Orten drei Abfallcontainer hat, schön in den Nationalfarben blau-gelb-rot, um das Trennen des Abfalls zu vereinfachen: in jedem der drei Container ist alles wild durcheinander.
Ja, so ist das hier. Nach der Realisierung der gute Ideen kommt die eigentliche Arbeit. Doch ich will nicht ins Jammern verfallen. Das alles braucht Zeit. Und es gibt ein riesiges Potenzial. Und vor allem: so viel hat sich schon verändert. Drum also: ein kleiner Seufzer und alles andere abstreifen. Den Hotelchef für schönes Hotel an dieser Stelle loben. Flyer mitnehmen. Innerlich hab ich mir ja schon gesagt: „Hier im Donau-Delta war ich nicht zum letzten mal.“ – Denn kein Ort hat in mir Bali-Feeling geweckt wie dieser Naturschatz in Grün.
Der Rausch Rumäniens rauher Natur

Sonntag, 21.7. Pelikane, Fischkopf und Wildschweine. Heute erleben wir das Donau-Delta zu Wasser und zu Land, wie es hautnaher nicht geht.
Morgen früh um halb Sechs stehen wir auf, um das Donau-Delta per Boot zu erkunden. Wir warten in der kalten Morgenluft, und als Ionel den Bootsfahrer anruft, erfahren wir, dass sein Freund ein Problem mit dem Bootsmotor hat und jemand anderen schickt.

Dann geht es los, und ich bin wieder sprachlos von der Schönheit der Wasserstrassen, der Ruhe, den Farben, diesem tiefen Frieden, der in Luft liegt und beinahe etwas religiöses, spirituelles hat.

Fifty Shades of Green
Da hat es Gassen, in denen Gebüsch und Bäume das Ufer dicht machen wie eine Wand und sich hoch über uns beinahe schliessen, so dass es fast in einem Tunnel wirkt. Ein paar Kurven weiter fahren wir durch einen breite Fläche, in der überall Bäume im Wasser stehen und Lianen von den Ästen hängen – mystische Urwald-Stimmung. Dann wieder Schilfwände links und rechts und oben der blaue Morgenhimmel.
Weit und untief
Nach einer Weile verlassen wir dieses grüne Labyrinth und kommen aufs offene Wasser der Donau. Im ersten Moment kommt es uns vor wie das offene Meer. Und salzig ist das Wasser zwar bereits ein wenig, und warm, wenn man die Hände eintaucht.

Aber bei genauerem Hinsehen erkennt man die dichte Vegetation, die direkt unter dem Wasserspiegel beginnt. Und das Wasser ist hier nicht tiefer als einen Meter, und überhaupt nirgends tiefer als zwei Meter im Delta.

Der Wind und die Kälte gibt Hunger. Der „Kapitän“ fährt ins Schilf hinein, das einen perfekten Windschutz bietet. Natürlich bieten die Rumänen Schnaps und Bier zum Zmorge an, auf nüchternen Magen…
Danach ist der Fokus erst auf Wasserrosen, gelben und weissen. Sabine erhält vom Fahrer eine Kette, aber muss sie dann wieder abgeben, weil sie geschützt sind (also die Rosen, nicht Sabine) und man sie eigentlich nicht pflücken darf.

Herren der Lüfte
Und dann die Vögel: einzelne Kormorane haben wir schon gesehen, aber dann fliegen ganze Schwärme vor uns durch, und dann: Pelikane.
Und es ist wieder mal so: was im Zolli nicht so besonders ist – in freier Wildbahn ist es atemberaubend, den Tieren zuzusehen. Die Pelikane sehen ja nicht gerade wie ein Ausbund der Eleganz aus, aber in der Luft schweben sie majestätisch und meisterhaft, gekonnter als jedes Segelflugzeug. Hundert Meter lang 20 Zentimeter über der Wasseroberfläche ohne sichtbare Bewegung, dann ein kurzes Aufstellen des Körpers und eine sanfte Landung auf den Füssen. Auf die Gefahr hin, dass es blöd tönt – ein absoluter WOW-Moment.
Einzelne Pelikane, ein Paar, und einen Schwarm sehen wir. Das alleine wäre ein Grund, noch einmal mit dem Boot hinauszufahren.
Von der Natur berauscht
Auf dem Rückweg wieder Eintauchen in die grüne Welt des Delta-Labyrinths, und dann zuhause ins Bett sinken – um uns zu wärmen, aber vor allem wohl, um diesen Naturrausch auszuschlafen.

Das späte Mittagessen beschert uns die besondere Art der Delta-Fischsuppe: Gemüsesuppe mit zwei Fischköpfen auf separatem Teller, aus denen man das Fleisch auslöffelt und in die Suppe gibt. Nicht mein Fall, aber da Fischköpfe in Rumänien dank einem realsatirischen Wörter-App zu unseren Lieblingsworten zählen, find ichs sehr lustig.
…nicht weniger wilde Rückseite der Medaille
Danach noch ein Spaziergang, diesmal zu Fuss (auch die Bootsfahrt haben die Rumänen „Plimbare“ – Spaziergang – genannt).
Auf den trockenen Wegen begegnen wir wilden Wildschweinen, die sich von uns überhaupt nicht beeindrucken lassen, einer wilden Schwanfamilie (weiss wie Schnee die Eltern, schwarz wie Ebenholz die Jungen), neugeborenen wilden Kälbern, und Ionel, der nichts mehr liebt als wilde Landschaften, sagt uns am Schluss: „Ihr könnt sagen, dass ihr die ersten Schweizer wart, die hier durchgingen – hier gehen nicht mal Einheimische hin.“




Geschichtenabend
Am Abend stossen wieder Martina und Sandro zu uns, die mittlerweile in Bulgarien waren, in Constanta in einem Bordell übernachtet und Laila (die zu ihnen dazustossen sollte) offenbar verpasst haben – und das alles zusammen ergibt einen langen Abend voller Geschichten und Lachen und „Prosths!“, hier in diesem rumänischen Paradies, in dem wir sogar gefrässigen Mücken ihren Platz in der Schöpfungsordnung zubilligen…
